
Ihre blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, unter einer braunen Latzhose trägt sie eine rote Spitzenbluse, und ihre Füße stecken in derben Cowboy-Boots. Das Bühnenbild könnte das Seelenleben von Bettine von Arnim nicht besser darstellen - eine Wand von Umzugskartons steht am Ende der Bühne, neben Beschriftungen wie "Küche" oder "Boxen" steht auf jedem in Großbuchstaben "Göthe!". "Ich liebte dich ohne das Gewissen, dass du der große Dichter warst, von dem die Welt sprach", erinnert sie sich an ihre Gefühle in der Jugend, und zwischen romantischen Naturschwärmereien liest sie Briefe von Goethes Mutter in hessischem Dialekt vor.
Der "szenische Monolog" mit Texten aus "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" von Bettine von Arnim, mit dem Susanne Schäfer, die fünf Jahre bei den Salzburger Festspielen in "Jedermann" auf der Bühne stand und durch Film- und Fernsehrollen bekannt wurde, jetzt zwei Mal auf der Thalhaus-Bühne stand, ist ihre eigene Produktion. Der Briefroman drückt die Liebe der 1785 geborenen Schwester von Clemens Brentano zu Goethe aus, die als Teenager begann und zeitlebens anhielt.
Schäfer, alias von Arnim, durchlebt ihre intensive Liebe zum größten aller deutschen Dichter in eineinhalb Stunden: Von der ersten Begegnung, über die Stunden mit ihm in Zweisamkeit und die Meinungen ihrer Verwandten und Goethes Mutter zu ihren Gefühlen, bis hin zu ihrem Umgang mit seinem Tod. Und zwischendurch poetische Gedanken über die Liebe: "Die Liebe ist die einzige Gebärerin", "…und doch verlässt der Liebende sich selbst und geht der Liebe nach".
Schäfers Vortragsweise ist so authentisch, dass sogar ihre Tränen echt wirken. Die Sprache der damaligen Zeit macht sie durch ihre zu jeder Zeit klare und deutliche Ausdrucksweise leicht zugänglich. Sie kehrt die Dramatik der unerwiderten Gefühle heraus, ohne sich durch Kitsch an der Sprache zu berauschen und wechselt mühelos von Zärtlichkeit, Sehnsucht zu Wut und Verzweiflung. Ihre professionelle Theaterausbildung zeigt sich auch in ihrem Umgang mit Sprechfehlern, die sie professionell korrigiert.
Der Gegensatz von modernem Bühnenbild (Jörg Kiefel), Kostüm (Ruth Löffelholz) und fast 200 Jahre alter Literatur macht die Inszenierung von Regisseur Henning Bock interessant.
"Göthe, hör mich an!" erfasst Bettine von Arnim in ihrer tragischen Größe, lässt allerdings einige Fragen zum Verhältnis von Goethe und Arnim offen, die den neugierig gewordenen Zuschauer brennend interessieren. Ihre in den Briefen sehr liebevoll geschilderten Begegnungen - waren sie en detail nur Wunschdenken einer verliebten Frau? Nachdem Schäfer die einzige mit "Meins" beschriftete Kiste auf die vielen "Göthe!"-Kisten gestellt hat und von der Bühne hüpft, empfängt sie ein starker Applaus, den sie mit einem bescheidenen Lächeln und einem Gegenapplaus quittiert. Es verwundert nicht, dass sie dreimal wiederkommen muss - danke für die Zeitreise!
Quelle: Wiesbadener Tagblatt